Geilenkirchen – Orte der Erinnerung für jüdische Mitbürger und andere Verfolgte in der NS-Zeit

Erster Zwang zu einem „normalen“ Namen

Über jüdische Mitbürger und NS-Zeit in der Region. Nachfahre des Josef Dahl aus Hünshoven bei Fachtagung. Zukunftsperspektiven.

Artikel aus der Aachener Zeitung vom 29.01.2013. Autor: Johannes Gottwald

Geilenkirchen. Aufklärung und Information über die NS-Zeit stand im Mittelpunkt einer Fachtagung, die im St. Franziskusheim stattfand. Zu den Initiatoren gehörten der Katholikenrat der Region Heinsberg, das katholische Forum, der evangelische Kirchenkreis Jülich sowie die lokale Gruppierung der „Initiative Erinnerung".

Die Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 stellt zweifellos das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte dar. Die Entfesselung des zweiten Weltkrieges, der mehr als 50 Millionen Menschen das Leben kostete, die Ermordung von über sechs Millionen Juden, Massenvertreibungen und unsägliche Leiden in den Konzentrationslagern. Heute ist die Generation der Menschen, die diese Zeit noch bewusst erlebt haben, im Aussterben begriffen. Umso wichtiger gestaltet sich die Aufgabe, die heute Lebenden über diese unselige Vergangenheit aufzuklären und zu informieren.

Bleibendes Mahnmal mitten in der Stadt Geilenkirchen: der jüdische Friedhof nahe „An der Linde“

Bleibendes Mahnmal mitten in der Stadt Geilenkirchen: der jüdische Friedhof nahe „An der Linde“

Foto: Georg Schmitz

Zu Beginn der Tagung konnte Marion Höver-Battermann vom Katholischen Forum Mönchengladbach erfreut die hohe Zahl von rund 60 Teilnehmern begrüßen. Die frühere Bundestagsabgeordnete der Grünen Christa Nickels verlas ein Grußwort von Landrat Stephan Pusch. Helmut Keymer führte ins Programm ein mit dem Gedanken, dass die Erinnerung zweierlei Ziele habe: Wie war es damals, wie ordne ich es in mein Leben ein? Von besonderem Interesse für alle Teilnehmer war sicherlich die Tatsache, dass man für diese Tagung Richard Dahl, den Nachkommen einer jüdischen Familie aus Geilenkirchen, gewinnen konnte.

Richard Dahl ist Spezialist für jüdische Geschichte und hatte sich nicht gescheut, die weite Reise aus Israel an den Ort zu unternehmen, wo die Wurzeln seiner Vorfahren lagen. Wie aus seinem Vortrag hervorging, wurde er selbst zwar in Australien geboren, aber seine Familie war vor dem Jahre 1930 weit über 200 Jahre lang in Hünshoven ansässig gewesen. Sein 1766 geborener vierfacher Urgroßvater hatte ursprünglich den Namen Seligmann Cappel getragen, erst ein Erlass Napoleons im Jahre 1808 befahl den Juden, künftig reguläre bürgerliche Namen zu führen. Aus der Tatsache, dass Seligmann Cappel sich mit „Josef Dahl" einen „normalen" Namen zulegen konnte, geht hervor, dass die Juden damals in Geilenkirchen offenbar gut behandelt und nicht - wie anderenorts - diskriminiert wurden. Josef Dahl und seine Nachfahren waren beruflich vor allem als selbständige rituelle Schlächter, Metzger und Viehhändler tätig und genossen in Geilenkirchen großes Ansehen. 1882 wurde in Geilenkirchen Josef Dahl, Großvater von Richard Dahl, geboren. Auch er arbeitete zunächst als Viehhändler im Geschäft seines Vaters Meyer Dahl, diente 1902 als Soldat im Elsass, wurde dann auch 1914 zum Heer eingezogen und zeichnete sich offenbar durch große Tapferkeit aus. Bei einem Fronteinsatz verlor er durch Granatsplitter beide Augen, befand sich dann lange Zeit in einem Düsseldorfer Lazarett, wo er die Blindenschrift erlernte und auch seiner späteren Frau begegnete. 1920 erfolgte die Heirat, aber schon ein Jahr später starb seine Frau kurz nach der Geburt des Sohnes Eduard Dahl, der später Vater von Richard Dahl werden sollte.

Josef Dahl eröffnete 1921 ein Tabakgeschäft am Bahnhof Wuppertal-Elberfeld, das offenbar sehr erfolgreich lief. Den brutalen Ausschreitungen der Pogromnacht am 9. November 1938 konnte er sich dank der Vorwarnung eines guten Bekannten entziehen. Am Ende wurde Josef Dahl wie Millionen andere in den Osten deportiert und fand 1943 den Tod in der Gaskammer. Seinen Sohn Eduard hatte Josef Dahl schon kurz nach 1933 auf ein Schweizer Internat geschickt. Von dort aus konnte dieser über die Niederlande nach England flüchten. 1941 wurde Eduard Dahl dort interniert und später nach Australien gebracht, wo er sich nach Kriegsende eine neue Existenz aufbaute. Sein Sohn Richard Dahl wanderte später als Erwachsener nach Israel aus.

Im Anschluss an diese persönliche Beschreibung folgte eine Gesprächsrunde. Auch Bürgermeister Fiedler stattete der Tagung einen Besuch ab, wobei Richard Dahl und seine Frau Sharon (deren Vorfahren aus München stammen) sich ins Goldene Buch der Stadt Geilenkirchen eintragen durften. „Mit dem Eintrag wird die individuelle Erinnerung auf die öffentliche Ebene gehoben", betonte Bürgermeister Fiedler und dankte Richard und Sharon Dahl für ihr Kommen. Am Nachmittag wurden verschiedene Projekte und Aktivitäten der an der Tagung beteiligten Grup pen und Foren vorgestellt. Einige Projekte konnte man an den Stellwänden betrachten, die sich im Saal befanden. So zeigte eine topographische Karte der Stadt Geilenkirchen anhand roter Punkte die ehemaligen Wohnsitze jüdischer Familien, darunter befanden sich in Form von Bildserien die entsprechenden Häuserzeilen im heutigen Zustand.

Auch gab es reichhaltiges Informationsmaterial über die Geschichte der Juden in Übach-Palenberg und Geilenkirchen sowie über die Zeit des Dritten Reiches im Kreis Heinsberg. Verschiedene Textbände konnte man auch kaufen. Eine andere Stellwand informierte über das allmähliche An-wachsen der nationalsozialistischen Bewegung im Kreis Heinsberg wäh-rend der Weimarer Zeit. Sehr an-schaulich konnte man das zunehmen-de aggressive Auftreten der Partei mitverfolgen, bis nach der Macht-übernahme die rasche „Gleichschal-tung“ erfolgte und ein totales Über-wachungssystem etabliert wurde.

Im letzten Teil der Tagung wurden weitere Projekte vorgeschlagen und erörtert sowie Zukunftsperspektiven aufgezeigt. So soll künftig an Er-innerungsrundtouren speziell für junge Leute gearbeitet werden. Frank Zanders verwies auf das Angebot zur Gründung eines historischen Arbeits-kreises für den Kreis Heinsberg. Auch die Geschichte kleinerer jüdi-scher Gemeinden, beispielsweise in Waldenrath, soll stärker in den Blick genommen werden. Nach der Ab-schlussrunde konnten die Organisa-toren, allen voran Christa Nickels und Ralf Zanders, eine rundum positive Bilanz ziehen.

Für Hetze empfänglich

Interview mit CHRISTA NICKELS

Bündnis 90/Die Grünen, Ex-MdB

Wie gut sind die Bürger heutzutage über das Dritte Reich informiert?

Nickels: Auf jeden Fall viel besser als noch vor 30 Jahren. Vor allem über die Schulen wird sehr viel Wis sen vermittelt. Außerdem ist heute eine Fülle von Informationsmaterial über Archive, Bibliotheken und Inter-net zugänglich.

Was kann man noch zur weiteren Verbesserung der Aufklärung tun?

Nickels: Man kann zum Beispiel nach den Spuren der Verfolgung in der eigenen Nachbarschaft suchen. Denn was einem nahe steht, berührt einen am meisten. Damit bekommen Angst und Grauen plötzlich ein Gesicht.

Wäre ein Mann wie Hitler auch heute wieder möglich?

Nickels: Also – eine Wiederholung im Sinne einer „1:1-Situation" erscheint mir nicht denkbar. Aber grundsätzlich gilt: Große Agitatoren und demagogische Verführer können jederzeit wieder auftreten. Und viele Menschen sind halt für primitive Hetzparolen empfänglich. Erst zuletzt hat das Beispiel Russland gezeigt, wie leicht sich die Zustimmung weiter Bevölkerungskreise für eine staatlich legalisierte Diskriminierung von Minderheiten erreichen lässt.