Geilenkirchen – Orte der Erinnerung für jüdische Mitbürger und andere Verfolgte in der NS-Zeit

Bustour durch den Kreis gegen das Vergessen

An vielen Orten wird an frühere jüdische Mitbürger erinnert. Zwei Zeitzeugen berichten am Bahnhof in Geilenkirchen über die Deportation.

Artikel aus der Aachener Zeitung vom 30.01.2013. Autor: Johannes Gottwald

Kreis Heinsberg. Nach einer Fachtagung „Erinnerung, Verfolgung in der Zeit des Dritten Reiches in der Region Heinsberg" fand am Sonntag, am Gedenktag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, eine Busrundfahrt durch den Kreis Heinsberg statt, bei der vorzugsweise Orte aufgesucht wurden, die noch an frühere jüdische Mitbürger erinnern.

So besuchte man die ehemalige Synagoge in Gangelt und betrachtete im Wassenberger Rathaus Erinnerungsstücke aus dem Besitz jüdischer Familien. Auch wurde über die Geschichte der Wassenberger Juden berichtet sowie über die Kontakte zur Familie Reis, die heute in Israel lebt, deren Vorfahren aber aus Wassenberg stammen. Die dortige Gesamtschule trägt den Namen von Betty Reis, die ähnlich wie Anita Lichtenstein aus Geilenkirchen Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung wurde. In Erkelenz wurden die verschiedenen Stolpersteine in Augenschein genommen, die bei der heutigen Generation die Erinnerung an Diktatur und Gewalt in der Zeit von 1933 bis 1945 wachhalten sollten. Eigens für diesen Tag hatte man sogar akustische Stolpersteine in der Erkelenzer Innenstadt aufgebaut, aus denen die Namensliste der ermordeten Juden aus der Region zu hören war.

Während der Fahrt wurde auch das Schicksal von Personen geschildert, die sich dem ideologischen Terror des NS-Regimes zu widersetzen wagten. Dazu gehörte Hubert Schölkens, der viele Jahre in Geilenkirchen als Lehrer tätig war. Nachdem er zunächst die Hitler-Bewegung unterstützt hatte, trat er bald unter dem Eindruck der Diktatur enttäuscht und desillusioniert wieder aus der NSDAP aus – ein Schritt, den ihm die Partei niemals verzieh. Er wurde dafür nach Haaserdriesch bei Waldfeucht-Haaren strafversetzt. Als er sich dann im Herbst 1944 dem Evakuierungsbefehl widersetzte und auch noch einer Gruppe von Dorfbewohner half, über die nahe Grenze zu gehen, um in den Niederlanden unterzutauchen, wurde er mit seiner Frau von der Gestapo verhaftet. Seine Frau überlebte den Krieg, aber Hubert Schölkens wurde monatelang schwer misshandelt und gefoltert. Im März 1945, kurz nach der Befreiung Kölns durch die Alliierten, starb er an den Folgen der Haft.

Endpunkt der Rundreise war der Bahnhof von Geilenkirchen. Von hier aus gingen 1942 die Transporte der Juden aus dem Kreis in die Vernichtungslager nach Polen ab. Mit Heinz Wolf und Walter Schiffers waren zwei Zeitzeugen unter den Teilnehmern der Bustour, die über das damalige Geschehen aus erster Hand berichten konnten. Beide schilderten übereinstimmend, dass die Juden bis 1933 in die dörflichen und städtische Gesellschaft von Hünshoven und Geilenkirchen voll integriert waren. „Sie waren angesehene Bürger und auch häufig Mitglieder in den Reiter-, Handball- und Fußballvereinen. Nach der braunen Machtübernahme schlug die Stimmung innerhalb weniger Monate um – aus vielen ihrer Nachbarn wurden plötzlich Judenhasser und die systematische Ausgrenzung und Diskriminierung begann."

Ein Zeitzeuge berichtet: Mit großer Aufmerksamkeit lauschten die Teilnehmer der Fahrt den Ausführungen von Walter Schiffers, der die NS-Diktatur und die Pogromnacht 1938 in Geilenkirchen noch selbst erlebt hat.

Ein Zeitzeuge berichtet: Mit großer Aufmerksamkeit lauschten die Teilnehmer der Fahrt den Ausführungen von Walter Schiffers, der die NS-Diktatur und die Pogromnacht 1938 in Geilenkirchen noch selbst erlebt hat.

Walter Schiffers erinnerte sich noch an die Pogromnacht am 9. November 1938: „Als abends plötzlich die Feuerwehrsirene ging, rannte ich mit meiner Mutter und meinem Bruder nach draußen. Ich sah, wie uniformierte Männer die Ladentür der Metzgerei Frenkel (gegenüber des Hotels Jabusch) eintraten, die Familie herausholten und zum Kriegerdenkmal am Marktplatz führten. Dort wurden alle verhafteten Juden ’ver­sammelt'. Was aus ihnen wurde, habe ich nicht mehr mitbe­kom­men, wir sind erschrocken und er­schüttert wieder ins Haus ge­gangen."

Heinz Wolf erzählte, dass in seiner Nachbarschaft eine jüdische Familie gewohnt habe. Auch in ihrem Falle sei es im Frühjahr 1933 plötzlich zu Anfeindungen durch deutsche Mitbürger gekommen. Er konnte aber auch von einem schönen Erlebnis berichten: „Als ich meine erste Reise nach Israel unternahm, traf ich dort mit Emil Cohen (heute David Cohen) zufällig einen Juden aus Geilenkirchen, der heute in Tel Aviv lebt. Aus dieser Begegnung wurde eine jahrzehntelange Brieffreundschaft."

Am Ende nahmen die Teilnehmer eine Fülle von Eindrücken mit nach Hause, aber auch neue Möglichkeiten, sich dafür zu engagieren, dass die Namen, Gesichter und Geschichten der im Dritten Reich Vertriebenen und Ermordeten wieder in die lokale Ortsgeschichte zurückgeholt werden.