Geilenkirchen – Orte der Erinnerung für jüdische Mitbürger und andere Verfolgte in der NS-Zeit

Erinnerung als Wert für die Zukunft

Eine Fachtagung und eine Bustour durch den Kreis anlässlich des Jahrestages der Auschwitz-Befreiung

Artikel aus der Kirchenzeitung vom 10.03.2013.

Zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz im Jahre 1945 organisierte in diesem Jahr ein Bündnis aus evangelischen und katholischen Organisationen zusammen mit der „Initiative Erinnern GK" ein Aktionswochenende.

In der „Initiative Erinnern GK" engagieren sich Vertreter von Schulen, Kirchen und Einzelpersonen. Unterstützt wurde das Wochenende zudem vom Bundesprojekt „Toleranz fördern - Kompetenz stärken". Die Schirmherrschaft übernahm Landrat Stephan Pusch.

Am ersten Tag kamen knapp 60 Teilnehmer zur „Fachtagung Erinnern" im Franziskusheim zusammen. Eröffnet wurde sie mit einem eindrucksvollen Vortrag von Richard Dahl, einem Nachfahren von Geilenkirchenern jüdischen Glaubens. Zusammen mit seiner Frau Sharon war er aus Israel angereist, um vom Schicksal seiner Familie zu erzählen. Spuren seiner Vorfahren sind seit 200 Jahren in Geilenkirchen nachweisbar. Sie lebten hier als geachtete Bürger, waren Mitglieder in zahlreichen Vereinen und sozial engagiert. Die jüdische Gemeinde in Geilenkirchen mit ihrer Synagoge und der jüdischen Schule im Zentrum der Stadt war eine der größten in der Region Aachen.

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden auch die Vorfahren von Richard und Sharon Dahl verfolgt. Nach jahrelangen Recherchen, die er intensivierte, als seine Kinder ihn fragten, kam Richard Dahl auf eine Zahl von 100 Opfern allein in seiner großen Familie. Die Überlebenden fand er in Ländern über die ganze Welt verstreut wieder, so in Australien, Kanada und Amerika. Für ihn und seine Frau ist das Erinnern eine Arbeit gegen das Vergessen. „Man weiß nie, was Erinnerungen mit einem machen", sagte Dahl und führte seinen Zuhörenden vor Augen, in welcher Weise die Leidensgeschichte der Vorfahren einen Menschen im Alltag immer wieder unvermittelt einholen kann.

Bürgermeister Thomas Fiedler (r.) mit Richard und Sharon Dahl beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Geilenkirchen.

Bürgermeister Thomas Fiedler (r.) mit Richard und Sharon Dahl beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Geilenkirchen.

Foto: privat

Danach lud Bürgermeister Thomas Fiedler die Dahls zur Eintragung in das Goldene Buch der Stadt ein. „Mit der Eintragung in das Goldene Buch der Stadt wird die individuelle Erinnerung auf die öffentliche Ebene gehoben", betonte der Bürgermeister.

Der Nachmittag war ganz dem Erfahrungsaustausch gewidmet. Als Ergebnis wurden eine Reihe von Projekten für die zukünftige Erinnerungsarbeit festgehalten: Zukünftig sollen an Erinnerungs-Rundtouren im Kreis speziell für junge Leute erarbeitet werden. Die Geschichtsvereine, Schulen und Träger der Jugendarbeit sollen gemeinsam mehr Angebote jugendgerechter Erinnerungsarbeit machen.

Ralf Zanders vom Büro der Regionaldekane lud alle Engagierten zur Veröffentlichung ihrer Arbeitsergebnisse und zur Vernetzung auf einer speziellen Internetseite der Regionaldekane ein. Er verwies auf das Angebot zur Gründung eines historischen Arbeitskreises für den Kreis Heinsberg. Über den Kreis Heinsberg soll die Erstellung einer Schriftenliste (Bibliographie) über alle Arbeiten zur Verfolgungsgeschichte von Gegnern des NS-Staates im Kreis Heinsberg zusammengetragen und veröffentlicht werden. Die Geschichte kleinerer jüdische Gemeinden wie z. B. in Waldenrath, soll verstärkt in den Blick genommen werden, eventuell bei einer Rundtour der Erinnerung im Jahr 2014.

Am zweiten Tag folgte eine „Rundtour zu Orten der Verfolgungsgeschichte von Opfern des NS-Unrechtsregimes" durch den Kreis Heinsberg. Der von West Energie und Verkehr gesponserte Bus machte Halt an ehemaligen Orten jüdischen Lebens in Gangelt, Wassenberg, Erkelenz und schließlich am Bahnhof in Geilenkirchen, von wo aus Deportationszüge in die Vernichtungslager abgefahren waren.

Engagierte Ehrenamtler erzählten vom Schicksal der jüdischen Gemeinden in der Hitlerzeit und von dem Jahrzehnte währenden, beschämenden Beschweigen dieser Verbrechen. Sie erzählten aber auch von der Erinnerungsarbeit und den Besuchen von Überlebenden, die Trost vor allem darin fanden, dass ihnen und ihrem Schicksal doch schließlich von Kindern und Jugendlichen in vielen Schulen in ihrer alten Heimat großes Interesse entgegengebracht wurde.

Die Teilnehmer beider Veranstaltungen nahmen bewegende Eindrücke mit, aber auch neue Möglichkeiten, sich zu engagieren.