Geilenkirchen – Orte der Erinnerung für jüdische Mitbürger und andere Verfolgte in der NS-Zeit

Schicksalen jüdischer Familien auf der Spur

Geilenkirchen. „Schaut nicht weg, seid die Menschen, die verändern.“ Mit großen Lettern an der Litfaßsäule machen Schüler der Geilenkirchener Realschule auf die Gefahren des Rechtsradikalismus aufmerksam. Auf einer zweiten Litfaßsäule erinnern die Mädchen und Jungen an die Schreckensherrschaft der Nazis.

Artikel aus der Aachener Zeitung vom 08.04.2014. Autor: st

„Deutsche kauft nicht bei Juden“ und „Juden durften keine Kinos, Schwimmbäder und Theater besuchen“ heißt es auf einigen der Exponate. Entstanden sind diese Säulen als Projekt für die Initiative „Erinnern Geilenkirchen“. Seit Januar 2011 engagieren sich in dieser Initiative die katholische und evangelische Kirche, die weiterführenden Schulen im Stadtgebiet, die im Rat vertretenen Fraktionen und engagierte Bürger. Sie erinnern an die Schicksale der ehemaligen Geilenkirchener jüdischen Glaubens. Auch einige Grundschulen haben ihr Interesse bekundet, hier mitzuarbeiten.

Die Mädchen und Jungen betrachteten mit großem Interesse die beiden Litfaßsäulen. Hier erhielten sie jede Menge Informationen über den Nazi-Terror und über Rechtsradikalismus heute.

Die Mädchen und Jungen betrachteten mit großem Interesse die beiden Litfaßsäulen. Hier erhielten sie jede Menge Informationen über den Nazi-Terror und über Rechtsradikalismus heute.

Foto: Georg Schmitz

Eine eindrucksvolle Bilanz der dreijährigen engagierten Arbeit ist in dieser Woche in der evangelischen Kirche Hünshoven zu sehen. Neben den beiden Litfaßsäulen der Realschüler, die vor eineinhalb Jahren entstanden sind und nun erstmals außerhalb des Schulgebäudes der Öffentlichkeit vorgestellt werden, erinnern auf den Schautafeln Texte und Fotos an die erste Stolpersteinverlegung im März 2013 in Geilenkirchen, an die beiden Bustouren der Erinnerung durch den Kreis Heinsberg und an den Besuch von Richard und Sharon Dahl aus Israel, Nachfahren der Familie Dahl aus Geilenkirchen. Der „Vater der Ausstellung“, wie der Heimatforscher Karl-Heinz Nieren von der ehemaligen Parlamentarischen Staatssekretärin Christa Nickels (Grüne) bezeichnet wird, hat zahlreiche Dokumente zusammengetragen, unter anderem die Lebensgeschichte der ehemaligen jüdischen Mitbürger. Auf eine der Schautafeln weist er auch auf das Begegnungsprojekt in der ersten Septemberwoche 2014 hin: Vier von fünf noch lebenden ehemaligen Geilenkirchener Mitbürger kommen aus Israel und den USA nach Geilenkirchen. Finanziert wird diese Begegnung aus dem Programm „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“.

Große jüdische Gemeinde

Am Dienstag besuchten auch erste Klassen der Realschule die Ausstellung und informierten sich über die Geschichte der ehemaligen jüdischen Mitbürger.

Mit etwa 135 Bürgern jüdischen Glaubens war Geilenkirchen eine der größten jüdischen Gemeinden in der Region. Nach dem Krieg lebte kein Jude mehr in der Stadt. Mehr als die Hälfte wurde grausam ermordet, die anderen konnten frühzeitig vor den Nazis flüchten. Karl-Heinz Nieren brachte den Schülern die Geschichte des jüdischen Friedhofes mit 117 Gräbern näher und zeigte Bilder von der ehemaligen Synagoge.

Da es kein Foto vom Innern der Synagoge gibt, freute sich Nieren am Dienstag besonders darüber, dass er den jungen Zuhörern eine von Meir Baum angefertigte Zeichnung präsentieren konnte. Der in Geilenkirchen geborene Jude lebt heute in Israel. Der 86-Jährige hat die Synagoge aus seiner Erinnerung heraus gezeichnet.

„Mit dieser Ausstellung wollen wir daran erinnern, was wir den Menschen angetan haben“, erklärte Hans Stenzel, der für die evangelische Kirche im Bereich christlich-jüdische Zusammenarbeit tätig ist. Und Realschulleiter Peter Pauli sagte: „Wir wollen den Geilenkirchener Bürgern jüdischen Glaubens wieder eine Heimat geben.“ Über das große Interesse seiner Schüler freuten sich nicht nur Peter Pauli, sondern auch dessen Kolleginnen Ursula Schwaner und Rita Dahlmanns sowie Pastoralreferent Erich Mehenga. Die Arbeit der Initiative „Erinnern Geilenkirchen“ könne man gut in den Religion-, Deutsch-, Geschichts- und Kunstunterricht einbauen, versichert Pauli, der die beiden Litfaßsäulen und damit die Arbeit seiner Schüler auch gerne in anderen Einrichtungen zeigen möchte.

Am Rande der Ausstellung berichtete Peter Pauli über ein Kooperationsprojekt mit der RWTH Aachen. Der Historiker Professor Christian Kuchler möchte den Lehramtsstudenten ein Seminar „Heilige Orte“ anbieten. Orte verschiedener Konfessionen sollen mit Schülern aufgesucht und Zeitzeugen befragt werden. Mit der Vorbereitung dieses Seminars ist unter anderem Studentin Susanne Krystof betraut, die nun mit der Realschule Geilenkirchen zusammenarbeitet. Bei dem Hochschul-Seminar geht es um die Frage, wie man jungen Schülern heilige Orte näherbringen kann.

Schautafel zur Geilenkirchener Synagoge

Schautafel zur Geilenkirchener Synagoge

Schautafel zum jüdischen Friedhof

Schautafel zum jüdischen Friedhof

Schautafel

Schautafel "Familie Baum"

Schautafel Stolpersteine

Schautafel Stolpersteine