Geilenkirchen – Orte der Erinnerung für jüdische Mitbürger und andere Verfolgte in der NS-Zeit

Die Geilenkirchener Synagoge

Die Geilenkirchener Synagoge

Geilenkirchener Synagoge an der Neustraße vor der Pogromnacht 9. Nov. 1938

Geilenkirchener Synagoge an der Neustraße vor der Pogromnacht 9. Nov. 1938

Foto: Archiv der Stadt Geilenkirchen

Mit dem „Gesetz über die Verhältnisse der Juden“ vom 23. Juli 1847 gestand Friedrich Wilhelm von Preußen den Juden in den verschiedenen Provinzen seines Reiches (außer besonderen Bestimmungen für Posen) die gleichen Pflichte und Rechte wie den christlichen Untertanen zu:

und weiter heißt es in §35u. §36 – Bildung von Synagogengemeinden:

1) Regierungs-Präsident cf. Anm. zu §49. - 2) Zustimmung nicht erforderlich.

3) Zustimmung ebenfalls nicht erforderlich.

Geilenkirchener Synagoge und Schule (rechts davon) an der Neustraße vor der Pogromnacht 9. Nov. 1938 Foto: Archiv der Stadt Geilenkirchen

Diese Gesetze seitens der preußischen Regierung führten schließlich nach fast anderthalb Jahrzehnten Ringens und Zögerns zur Gründung des Synagogengemeindeverbandes Geilenkirchen-Heinsberg-Erkelenz mit Sitz in Geilenkirchen und schließlich in den Jahren 1869/1870 zum Kauf eines Grundstücks an der Neustraße 15 (heute: Herzog-Wilhelm-Str. / Synagogenplatz) und zum Bau der Synagoge, die in der Pogromnacht 9./10. November 1938 zerstört wurde.

Die den Brüdern Simon und Adolph Cahen sowie Salomon Frenkel gehörenden Grundstücke von insgesamt 117 Ruten, 70 Fuß (= 1669,57 m²) wurden wie folgt aufgeteilt:

Die Synagoge ist 1869 (mit angeschlossener Schule) gebaut worden und am 1.September 1869 eingeweiht worden, wie aus einem Zeitschriftenartikel aus "Israelit" vom 13. September 1894 zum 25jährigen Jubiläum hervorgeht. Viele Jahre Vorsitzender des Synagogenverbandes war Isaac Benedict Cahen, der 1919 verstorben ist. Sein Nachfolger in diesem Amt war (wahrscheinlich) Hermann Dahl aus Hünshoven. Im gleichen Jahr feierte die jüdischen Gemeinde Geilenkirchen das 50jährige Bestehen der Synagoge, das anlässlich der Barmizwa von Ludwig Baum auf einem Familienfots dokumentiert ist.

Kantor und Religionslehrer für viele Jahre war Gerson Frohmann, der auch die Festpredigt 1894 hielt. Zum Besuch der Sabbatschule mit ihrem Religionsunterricht kamen selbst aus Erkelenz noch Kinder nach Geilenkirchen.

In der regulären Volksschule nahmen die jüdischen Kinder meist am Unterricht der evangelischen Schule in Hünshoven (Nikolaus-Becker-Str.) teil.

Während die kath. und ev. Kirchengemeinden im Adressbuch von 1935 verzeichnet sind, fehlt jede Angabe darin zur jüdischen Gemeinde.

Grundstücksplan der Synagoge und der jüd. Schule - Katasterauszug

Die Synagoge an der früheren Neustraße 15 – heute Herzog-Wilhelm-Straße – wurde am 1. Sept. 1869 eingeweiht; in der Pogromnacht 1938 wurde sie in Brand gesetzt und wenige Tage später von Männern des Reichsarbeitsdienstes vollständig abgerissen.

Erste Belege über fünf jüdische Familien in Geilenkirchen gibt es aus den Jahren 1740 und 1758. In Hünshoven, das heute zu Geilenkirchen gehört, lebten bereits von 1706 bis 1716 zwei jüdische Familien. Die Synagogengemeinde Geilenkirchen-Heinsberg-Erkelenz, deren Statut 1861 bestätigt wurde, hatte ihren Sitz in Geilenkirchen; ihr angeschlossen waren Gangelt, Waldenrath und Schwanenberg.

1869 erwarb die israelitische Gemeinde ein Grundstück in der Neustraße 15. Im Herbst des gleichen Jahres konnte die Synagoge eingeweiht werden. Das schmale, hohe, mit einem Walmdach gedeckte Backsteingebäude lag von der Straße zurückgesetzt am Ufer der Wurm. Die Fassade zur Wurm hin war von einem Vorbau mit nur einem großen Rundbogenfenster geprägt, der im Dreiecksgiebel, flankiert von zwei bekuppelten, offenen Türmchen, das Emblem der Gesetzestafeln trug. Darunter verlief eine ebenfalls aus Sandstein gearbeitete breite Kartusche, die einer – auf Fotos nicht lesbaren – Inschrift gedient haben dürfte. Die freistehende Längsseite gliederten drei Rundbogenfenster zwischen halbhohen Strebepfeilern. Geschmückt wurde das Gebäude durch einen drei-fachen Fries, der zum Dachgesims überleitete: über einem getreppten Dreiecksfries verlief ein hell abgesetzter Rundbogenfries, darüber wiederum ein Konsolfries. Rundbogenportal, Rundbogenfenster und umlaufende Friese verliehen dem Bau neoro-manischen Charakter. Sein Eingangsportal befand sich in einem Anbau zwischen dem Synagogengebäude und dem Gebäude, in dem die Schule untergebracht war. Eine Mauer mit schmiedeeisernem Gitter und massivem Tor passte sich der Straßenflucht an.

In der Pogromnacht 1938 griffen Geilenkirchener unter Leitung des NSDAP-Kreisleiters die Synagoge an. Fenster und Einrichtungsgegenstände wurden zertrümmert und in Brand gesetzt. Der Dachstuhl fing Feuer und stürzte ein, während die Feuerwehr die umliegenden Gebäude schützte. Die Front des Gebäudes wurde während des Pogroms, die übrigen Mauern wenige Tage später abgerissen.

Am 26. Januar 1939 kaufte die Zivilgemeinde das Grundstück. Seit 1982 erinnert ein Gedenkstein - gestiftet von Hermann u. Christel Wassen - an die Synagoge. Die Stelle, an der sie sich befand, heißt seit 1986 Synagogenplatz. 1988 errichtete die Stadt eine Gedenktafel an Haus Basten zur Erinnerung an Pogrom und Holocaust, den auch die Geilenkirchener Juden erleiden mussten.

(nach: Feuer an Dein Heiligtum gelegt – Kamp-Verlag 1999 - Hrsg. Michael Brocke / Salomon Ludwig Steinheim-Institut)