Geilenkirchen – Orte der Erinnerung für jüdische Mitbürger und andere Verfolgte in der NS-Zeit

Erinnerungen an die Schrecken des Nazi-Terrors

Artikel aus der Aachener Zeitung vom 16.01.2014. Autor: Udo Stüßer

Christa Nickels und Karl-Heinz Nieren bereiten derzeit die „Erinnerungstour“ vor.

Christa Nickels und Karl-Heinz Nieren bereiten derzeit die „Erinnerungstour“ vor.

Foto: Udo Stüßer

Geilenkirchen. Vor drei Jahren wurde die „Initiative Erinnern Geilenkirchen“ auf Anregung von Christa Nickels ins Leben gerufen. Mit ihr will die ehemalige Parlamentarische Staatssekretärin der Grünen die Namen und Gesichter, die Familien und Schicksale der ehemaligen Geilenkirchener Bürger jüdischen Glaubens in die Stadt zurückholen.

„Es bedurfte schon eines gesellschaftlich breit aufgestellten Bündnisses, weil vertrauensbildende Maßnahmen erforderlich waren. In der Stadt herrschte die Angst, dass durch die Aufarbeitung der Geschichte Gräben aufgezogen würden“, sagt sie.

Unterstützung von der ersten Minute an erhielt Christa Nickels von dem pensionierten Gesamtschullehrer und passionierten Heimatforscher Karl-Heinz Nieren, der seit den 70er-Jahren das jüdische Leben in Geilenkirchen und in der Region erforscht. Schnell schlossen sich der Initiative auch der katholische Pastor Peter Frisch, die evangelische Pfarrerin Tanja Bodewig, die weiterführenden Schulen und interessierte Einzelpersonen wie Heinz Wolf an.

Auch die im Stadtrat vertretenen Fraktionen sind in der Initiative durch einen Vertreter präsent. „Es gibt so viele Dinge im Kreis Heinsberg, die an die wirtschaftlichen und kulturellen Aktivitäten unserer ehemaligen jüdischen Mitbürger erinnern“, erklärt Karl-Heinz Nieren. Aus diesem Grund laden die Initiative „Erinnern“ gemeinsam mit dem Büro der Regionaldekane der Region Heinsberg, mit dem Katholischen Forum und mit dem Evangelischen Kirchenkreis am Sonntag, 26. Januar, 10 bis 16 Uhr, zu einer „Erinnerungstour Region Heinsberg“ ein.

„Unser Ziel ist, nicht nur an die jüdischen Opfer, sondern an alle Opfer aus der Nazi-Zeit zu erinnern“ CHRISTA NICKELS

Treffpunkt ist um 10 Uhr der Synagogenplatz, im Herzen der Stadt Geilenkirchen an der Herzog-Wilhelm-Straße gelegen. „Auf dem etwa 1.183 Quadratmeter große Synagogenareal wurde 1869 eine Synagoge mit etwa 130 Quadratmeter Grundfläche gebaut und sie war die größte Synagoge in der ganzen Region“, weiß Karl-Heinz Nieren. „In der Pogromnacht 1938 wurde sie allerdings zerstört“, bedauert er. Über 130 Menschen jüdischen Glaubens lebten damals in Geilenkirchen, nur die jüdische Gemeinde in Aachen war in der Region größer.

Auf der Erinnerungstour werden Teilnehmer auch Wissenswertes über die angeschlossene jüdische Sabbatschule erfahren. Lehrer und Vorbeter Gerson Frohmann, so hat Nieren recherchiert, ist mit seiner Familie aus Geilenkirchen geflüchtet und später im Konzentrationslager ermordet worden.

Weiter geht die Erinnerungstour nach Übach-Palenberg. „19 jüdische Einwohner hatte Übach-Palenberg, die meisten wohnten am Markt, am Kirchberg, am Kirchplatz und in der Rimburger Straße – also im Ortskern von Übach, 15 Personen hatten die polnische Staatsbürgerschaft, wie häufig in Deutschland; sie waren in den 20er-Jahren ins Ruhrgebiet und ins Rur-Wurm-Revier gekommen“, heißt es in der 2011 veröffentlichten Dokumentation „Schicksale der Juden in Übach-Palenberg“ von Helmut Landscheidt vom Geschichtsverein Übach-Palenberg.

Landscheidt ist es auch, der die Teilnehmer der Erinnerungstour über das Zechengelände führt, wo unter dem Motto „Vernichtung durch Arbeit“ von den Nationalsozialisten Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Auch Zwangsarbeiter aus den eroberten Gebieten wurden hier zur Arbeit gezwungen. „Die Männer waren an der Front. Und die Arbeiter wurden benötigt, um den Energiebedarf zu decken. Die Zwangsarbeiter lebten in Baracken auf dem Zechengelände“, erklärt Nieren, der bedauert, dass alle schriftlichen Zeugnisse aus dieser Zeit vernichtet wurden.

„Unser Ziel ist, nicht nur an die jüdischen Opfer, sondern an alle Opfer aus der Nazi-Zeit zu erinnern“, sagt Christa Nickels. Bei dieser Tour geht es auch um die, die Widerstand geleistet haben. So erinnert Nieren an die Hebamme Anna Nöhlen, die Juden über die Grenze in die Niederlande gebracht hat. Ihr wurde der Prozess gemacht, sie wurde im April 1942 in der Heil- und Pflegeanstalt Bernburg Saale ermordet. Oder an den Bauern Josef Dassen, der in seinem Haus jüdische Mitbürger versteckt und versorgt hat. Bis 1935 leisteten auch die Kommunisten, die auf der Zeche beschäftigt waren, erheblichen Widerstand. Es kam zu Saalschlachten zwischen Nazis und Kommunisten.

Weiter führt die Tour zur Erlöserkirche. 1932 eingeweiht, wurde der angegliederte Kindergarten fünf Jahre später von den Nazis übernommen. Emanuel Paskert, Hilfsprediger der Bekennenden Kirche, hat, so Nieren, gegen die Nazis gepredigt. „Er hat viele Demütigungen erlitten, wurde bei seinen Predigten und Beerdigungsansprachen belauscht, häufig von der Gestapo nach Aachen vorgeladen und ihm zwischenzeitlich sein Gehalt gesperrt“, berichtet der Heimatforscher. Nächstes Ziel ist der 1877 angelegte Jüdische Friedhof in Gangelt, auf dem 31 Gräber erhalten sind.

Rund 50 Mitglieder zählte die Jüdische Gemeinde in den 30er-Jahren. Damit ist dieser Friedhof jünger als der Geilenkirchener, der vor 1749 errichtet wurde. Über Waldenrath, wo eine Kirchenbesichtigung auf dem Programm steht, und Straeten, wo das Bethaus besichtigt wird, geht es nach Geilenkirchen. Für diese Fahrt ist die Teilnehmerzahl begrenzt, es sind noch einige Plätze frei. Anmeldung unter Telefon 02161/980639 oder forum-mg-hs@bistum-aachen.de. Zur Finanzierung der Verpflegung wird ein Beitrag von sieben Euro erhoben.