Geilenkirchen – Orte der Erinnerung für jüdische Mitbürger und andere Verfolgte in der NS-Zeit

Bücherpaket als Zeichen der Versöhnung

Vor dem Naziterror geflüchtete Juden hatten Werke der deutschen Literatur im Gepäck.

Geschenke aus Israel sind eine „große Geste“.

Artikel aus der Geilenkirchener Zeitung vom 26.6.2014

VON: UDO STÜSSER

Der Heimatforscher Karl-Heinz Nieren von der „Initiative Erinnern Geilenkirchen“ berichtete vor den Schülern von St. Ursula über jüdisches Leben in Geilenkirchen. Fotos (6): Georg Schmitz Foto: Georg Schmitz

Geilenkirchen. „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“ Diese grauenhafte Vorhersage Heinrich Heines, zitiert vom stellvertretenden Schulleiter Bernward Coers, machte am Mittwoch Schüler des Geilenkirchener St.-Ursula-Gymnasiums tief betroffen.

Während sich alte Bücher dieses bedeutenden deutschen Dichters und Schriftstellers des 19. Jahrhunderts neben Werken von Goethe, Lessing und Hauptmann auf einem Tisch stapelten, erklärte Coers dem Oberstufen-Literaturkurs den Grund für eine außergewöhnliche Unterrichtsstunde über „gerettete Bücher“: Bei den rund 30 Büchern handelte es sich um klassische Werke der deutschen Literatur, die vertriebene Deutsche jüdischen Glaubens auf ihrer Flucht nach Israel mitgenommen haben.

Der heute 86-jährige in Israel lebende Meir Baum, der als Zehnjähriger mit seiner Familie Geilenkirchen noch rechtzeitig verlassen hat, hat das Bücherpaket der „Initiative Erinnern Geilenkirchen“ zum Geschenk gemacht. Der bekannte Geilenkirchener Heimatforscher Karl-Heinz Nieren, Mitglied dieser Initiative, hatte die Werke am Mittwoch dem St.-Ursula-Gymnasium zur Verfügung gestellt und den Schülern über die Gräueltaten während der Naziherrschaft in Geilenkirchen berichtet.

Dabei ging er besonders auf das Leben und auf die Flucht der Familie Baum ein. Meir Baum, der mit Eltern und Großeltern bis 1936 in Geilenkirchen lebte, gelangte über Belgien und Frankreich in die Schweiz, von wo aus er nach Kriegsende nach Israel reisen konnte. „Es sind nicht alleine die Bücher, es ist die große Geste, über die wir uns freuen. Diese Büchersendung ist ein Zeichen der Versöhnung“, erklärte Bernward Coers. Es sei schon bemerkenswert, dass jüdische Mitbürger auf ihrer Flucht Bücher gerettet hätten.

„Auch die Familie Baum hat auf ihrer Flucht sicherlich nicht viel mitgenommen. Aber Bücher sind ein Stück Kultur, Identität und Heimat.“

BERNWARD COERS, STELLVERTRETENDER SCHULLEITER

Auch in den Büchern, beispielsweise in dem 1930 erschienenen „Hiob“ von Joseph Roth, in dem der Leidensweg des jüdisch-orthodoxen Toralehrers Mendel Singer in Russland beschrieben wird, gehe es um Pogrome und um den Verlust von Heimat.

„Doch was ist Heimat?“, fragte Coers und gab gleich die Antwort: „Die Heimat ist dort, wo man sich kulturell zu Hause fühlt. Viele haben gesagt, dass sie ihre Heimat in der deutschen Sprache sehen. Meir Baum hat uns ein Stück seiner geistigen Heimat zurückgegeben.“

Überlebende der Shoa

Coers und Nieren wiesen bei der Gelegenheit darauf hin, dass nicht nur die Bücher nach Geilenkirchen zurückgekehrt sind. Vier von noch fünf Überlebenden der Shoa aus Geilenkirchen werden vom 31. August bis 7. September Geilenkirchen besuchen, unter ihnen auch die Familie Baum. Bernward Coers hatte sich in einem Brief an Meir Baum für die Büchersendung bedankt.

Er werde den Schülern sagen, „dass diese Autoren und ihre Werke in allen Zeiten von allen Menschen guten Willens, gleich welcher Religion sie angehören, verehrt wurden und dass das höchste Ziel dieser Klassiker darin bestand, Menschen zu einem sittlichen und humanen Miteinander zu befähigen“. Baum hatte aus Masuot-Jizchak geantwortet: „Es ist mir eine große Genugtuung zu erfahren, dass diese Werke einen guten Hafen gefunden haben.“

Stolpersteine werden auf Hochglanz gebracht

Vor dem Besuch der ehemaligen Geilenkirchener Mitbürger jüdischen Glaubens vom 31. August bis zum 7. September sollen die in Geilenkirchen verlegten Stolpersteine auf Hochglanz gebracht werden.

Für diese Putzaktion hat Bernward Coers bereits die Bereitschaft seiner Schule signalisiert. Die Aktion will der stellvertretende Schulleiter mit den Schülern nach den Sommerferien starten.