Geilenkirchen – Orte der Erinnerung für jüdische Mitbürger und andere Verfolgte in der NS-Zeit

47 Steine gegen das Vergessen

Die „Initiative Erinnern“ gedenkt aktiv ihren jüdischen Mitbürgern

Von Anna Petra Thomas

Mit rund 130 Bürgerinnen und Bürgern jüdischen Glaubens war in Geilenkirchen vor der Shoah eine der größten jüdischen Gemeinden in der Region beheimatet. An sie zu erinnern hat sich die 2011 gegründete „Initiative Erinnern“ auf die Fahne geschrieben.

Unterschiedliche Initiativen hat sie dazu in der Zwischenzeit gestartet. Eine davon ist das sogenannte Stolpersteinprojekt. Nachdem der Künstler Gunter Demnig in einer ersten Aktion im März 2013 bereits 27 dieser Gedenksteine vor den letzten freiwilligen Wohnorten jüdischer Mitbürger in Geilenkirchen verlegt hatte, war er jetzt erneut vor Ort, um weitere 20 Steine zu verlegen.

Das Besondere an der aktuellen Aktion war, dass daran insgesamt fünf Schulen aus Geilenkirchen beteiligt waren, unter anderem das bischöfliche Gymnasium St. Ursula. Die Schüler trugen an den fünf Verlegestellen Gedichte vor, sangen Lieder oder legten Blumen nieder. Und die Schüler der Straßenbauerklasse des Berufskollegs Technik assistierten dem Aktionskünstler fachkundig bei der Verlegung der Stolpersteine.

Erste Station der aktuellen Aktion war die Konrad-Adenauer-Straße 175, wo die Steine 28 bis 31 verlegt wurden. Die Patenschaft dafür hatte die städtische Realschule übernommen. Wie bei der ersten Aktion hatte die „Initiative Erinnern“ auch dieses Mal wieder einen Flyer vorbereitet mit einer Karte, in der die Verlegestationen eingezeichnet waren, und mit Informationen über die jüdischen Mitbürger, in deren gedenken die Stolpersteine verlegt wurden.

Christa Nickels, Karl-Heinz Nieren und Künstler Gunter Demnig (v.l.)

Christa Nickels, Karl-Heinz Nieren und Künstler Gunter Demnig (v.l.)

Foto: Anna Petra Thomas

An der Konrad-Adenauer-Straße 175 lebten bis 1938 Fritz und Regina Gottschalk mit ihren Kindern Helga und Kurt. Kurt Gottschalk, geboren 1937, war das letzte jüdische Kind, das in Geilenkirchen zur Welt kam. Der Vater wurde 1944 in Auschwitz ermordet. Die Mutter überlebte den Holocaust und lebte bis zu ihrem Tod 1993 im niederländischen Valkenburg. Die Kinder, die zwischenzeitlich nach England gebracht worden waren, emigrierten in die USA.

Fünf Schulen übernahmen die Patenschaft für die Verlegung

An der Konrad-Adenauer-Straße 252 lebten Gerson Frohmann, Kantor und Lehrer der jüdischen Gemeinde, und seine Frau Julie. An sie erinnerten während der Verlegung der Stolpersteine Schüler des Berufskollegs Wirtschaft. Dabei hielt Schülersprecher Pascal Winter eine derart beeindruckende Rede, dass Pfarrerin Tanja Bodewig von der evangelischen Kirchengemeinde Hünshoven ihn spontan einlud, diese Rede auch beim ökumenischen Gedenken der Kirchen zur Reichspogromnacht noch einmal zu halten.

Die Stolpersteine an der Sittarder Straße vor dem Haus mit der Nummer 57

Die Stolpersteine an der Sittarder Straße vor dem Haus mit der Nummer 57

Foto: Anna Petra Thomas

„Wieso stellen wir eigentlich noch ein Denkmal auf?“ war die Frage, die Winter eingangs seiner Rede stellte und dann selbst beantwortete: „Hier, in diesem Land passierten vor rund siebzig Jahren die schrecklichsten Verbrechen, die jemals von Menschenhand verübt wurden“, erklärte er. Sie waren so brutal und grauenhaft, das man sich heutzutage kaum vorstellen kann, dass ein Mensch solche Schandtaten begehen kann.“ So falle den Nachfahren dieses Landes die Verantwortung zu, das Andenken an jene zu wahren, die in diesem Krieg und dem damit verbundenen Völkermord ihr Leben gelassen hätten.

Auch heute noch würden überall auf der Welt Minderheiten unterdrückt, politisch Andersdenkende verfolgt und Millionen von Menschen ob ihrer Herkunft verfolgt und nicht selten ermordet. „Der Hass ist allgegenwärtig“, erklärte der Schülersprecher. Sogar in Europa gebe es immer mehr Extremisten, sagte er mit Blick auf die aktuelle Wahl. „Die Rechten erhielten hier so viel Zulauf wie nie zuvor. Sie machen nunmehr fast 15 Prozent des EU-Parlaments aus!“ Deutsche wüssten besser als jedes andere Volk dieser Erde, was passieren könne, wenn man sich Hass und Verzweiflung hingebe und unüberlegt Radikalen sein Vertrauen schenke. „Somit liegt es an uns, dafür zu sorgen, dass die Masse nie wieder ihren Hass auf eine wehrlose Minderheit ergießen kann“, sagte er. „Es ist weiterhin unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Schwachen und Wehrlosen Sicherheit und Geborgenheit in unserem Lande finden.“

Sicherlich sei der Tag noch fern, an dem alle Menschen in Frieden miteinander leben würden und jeder die Chance habe, sich individuell zu entfalten. Aber bis dahin gelte es weiter, Gedenkstätten zu errichten, um ganz besonders Jugendliche und junge Erwachsene für die Thematik zu sensibilisieren. „Ich bin mir sicher, mit jedem Gedenkstein, den wir heute verlegen, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen die Vergangenheit vergessen, und es wird wahrscheinlicher, dass sich in Zukunft vor allem mehr Menschen mit diesem Thema auseinandersetzen und für den Frieden auf diesem Planeten kämpfen“, schloss er seine Rede.

Gesamtschüler sangen auch zu Ehren von Anita Lichtenstein

Die Schüler des Gymnasiums St. Ursula musizierten mit Lehrer Leo Jansen an der Verlegestelle für Stolpersteine, für die sie die Patenschaft übernommen hatten.

Die Schüler des Gymnasiums St. Ursula musizierten mit Lehrer Leo Jansen an der Verlegestelle für Stolpersteine, für die sie die Patenschaft übernommen hatten.

Foto: Anna Petra Thomas

Die Anita-Lichtenstein-Gesamtschule, die sich ihrem Namen entsprechend in besonderer Weise dem Gedanken an die ehemalige jüdische Gemeinde verpflichtet sieht, hatte die Patenschaft für die beiden nächsten Verlegestellen übernommen. Die Schüler brachten die große Zahl von Teilnehmern an der Verlegeaktion dazu, mit ihnen gemeinsam die Schulhymne zu Ehren von Anita Lichtenstein und der Opfer der Shoa zu singen. An der Sittarder Straße 28 gedachten sie Wilhelms und der Friederica Gottschalk mit ihren Kindern Alwin, Frieda Ida, Hilde und Flora, an der Sittarder Straße 50 des Joseph und der Johanna Baum, ihres Sohnes Leo mit Frau Erna und deren Söhne Bernhard und Otto.

Die Patenschaft für die letzte der fünf Verlegstationen, an der Sittarder Straße 57, hatten die Schüler des Gymnasiums St. Ursula übernommen. Hier lebten einst Ferdinand und Johanna Gottschalk mit ihrem Sohn Rudolf Sally und dem ledigen Onkel Abraham. Obwohl die Schüler von St. Ursula den weitesten Weg zu „ihrer“ Verlegestelle hatten, waren sie mit ihrem Schulorchester gekommen und beschlossen mit dessen Beiträgen die zweite Verlegung von Stolpersteinen in Geilenkirchen in eindrucksvoller Weise.

„Die zahlreich erschienen Geilenkirchener und Gäste aus umliegenden Städten waren vom Einsatz der jungen Leute ebenso begeistert wie Aktionskünstler Gunter Demnig, der mittlerweile mehr als 40 000 Stolpersteine in ganz Europa gelegt hat“, zog Christa Nickels von der „initiative Erinnern“ ein positives Fazit.

ERINNERN FÜR DIE ZUKUNFT

Ein Projekt der Begegnung mit jüdischen Mitbürgern

Vier von fünf Überlebenden der Shoa in Geilenkirchen werden die Stadt im Rahmen einer Begegnungswoche vom 31. August bis zum 7. September besuchen. Als Höhepunkte des Programms sind derzeit unter anderem geplant: eine Begegnung mit Kindern und Jugendlichen, an der sich mehrere Schulen beteiligen werden, ein Empfang im Rathaus mit Eintrag ins Goldene Buch, ein Rundgang durch die Stadt und ein Besuch von Burg Trips sowie ein gemeinsames Konzert von Schülern verschiedener Schulen zu Ehren der Gäste. Einer der Überlebenden, die Geilenkirchen besuchen werden, hat der „Initiative Erinnern“ bereits vorab ein Paket mit Büchern zukommen lassen. Diese wurden von vertriebenen Deutschen jüdischen Glaubens seinerzeit auf ihrer Flucht nach Israel mitgenommen. Bernward Coers, Lehrer am Gymnasium St. Ursula, wurden die Bücher, die sich in einem guten Zustand befinden, für eine Präsentation im Deutschunterricht zur Verfügung gestellt.