Geilenkirchen – Orte der Erinnerung für jüdische Mitbürger und andere Verfolgte in der NS-Zeit

Opfer freuen sich auf Treffen mit der Jugend

Überlebende der Shoa aus Geilenkirchen kommen aus Israel und Kalifornien zu einer Woche der Begegnung. Großes Konzert in St. Ursula geplant.

VON UDO STÜSSER

Geilenkirchen. Die Jugend ist die Zukunft. Das wissen auch die letzten Überlebenden der Shoa aus Geilenkirchen. Vier von fünf noch lebenden Menschen, die den Holocaust überlebt haben, kommen vom 31. August bis zum 7. September zu einer Woche der Begegnung nach Geilenkirchen. „Sie freuen sich besonders auf Gespräche mit der jungen Generation, die die Shoa nur aus Geschichtsbüchern kennt“, erklärt Christa Nickels, ehemalige Parlamentarische Staatssekretärin der Grünen und Gründerin der „Initiative Erinnern Geilenkirchen“.

Fritz Gottschalk, Vater von Kurt Gottschalk, ist in Auschwitz ermordet worden. Mutter Regina hat Theresienstadt überlebt und ist nach Recherchen des Geilenkirchener Heimatforschers Karl-Heinz Nieren 1993 im niederländischen Valkenburg gestorben. Kurts Schwester Helga ist 1956 in die USA ausgewandert, Kurt selbst folgte einige Jahre später. Kurt Gottschalk ist übrigens der letzte in Geilenkirchen geborene Jude. Geboren wurde er am 15. Juli 1937.

Fritz Gottschalk, Vater von Kurt Gottschalk, ist in Auschwitz ermordet worden. Mutter Regina hat Theresienstadt überlebt und ist nach Recherchen des Geilenkirchener Heimatforschers Karl-Heinz Nieren 1993 im niederländischen Valkenburg gestorben. Kurts Schwester Helga ist 1956 in die USA ausgewandert, Kurt selbst folgte einige Jahre später. Kurt Gottschalk ist übrigens der letzte in Geilenkirchen geborene Jude. Geboren wurde er am 15. Juli 1937.

Foto: Jan Mönch

Christa Nickels und der Geilenkirchener Heimatforscher Karl-Heinz Nieren stehen in regelmäßigem Kontakt mit den ehemaligen Geilenkirchenern jüdischen Glaubens. „In diesem Austausch erleben wir sie als sehr offen. Sie halten es für sehr wichtig, dass Schüler etwas über ihre Geschichte erfahren. Sie alle treten im Alter zwischen 78 und 87 eine anstrengende Reise an, um gemeinsam mit der jungen Generation ihrer Heimatstadt in die Vergangenheit zu blicken und dafür zu mahnen, dass so etwas nie mehr geschieht“, erklärt Nickels.

Der Künstler Gunter Demnig bei der Verlegung von Stolpersteinen in Geilenkirchen. 47 Steine sind bereits verlegt, weitere werden folgen.

Der Künstler Gunter Demnig bei der Verlegung von Stolpersteinen in Geilenkirchen. 47 Steine sind bereits verlegt, weitere werden folgen.

Foto: Jan Mönch

Finanziell gefördert wird diese Begegnungswoche aus dem Bundesprogramm „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“.

Kurt Adolf Gottschalk und seine Frau Sharley kommen aus Kalifornien angereist. Issachar Ilan kommt mit Ehefrau Tirzah und Tochter Daniella Naimy, und Meier Baum kommt mit Sohn Yehuda Baruch Oren und den Töchtern Leah Shalem und Shlomit Kallush. Beide Familien wohnen heute in der Nähe von Jerusalem. Aus Tel Aviv kommt Dina Friede-Gottschalk mit Tochter Dalia Bork Friede nach Geilenkirchen.

„In dieser Begegnungswoche möchten wir unsere Gäste ehren und von ihnen persönlich hören, was sie bewegt und was sie uns zu sagen haben“, sagt Nickels. Sie und Karl-Heinz Nieren haben bei den Gesprächen mit den ehemaligen jüdischen Mitbürgern festgestellt, dass diese die Arbeit der „Initiative Erinnern Geilenkirchen“ mit großem Interesse und mit Freude begleiten. „Es hat ihnen weh getan, dass in früheren Jahrzehnten Erinnerungsarbeit nur von wenigen geleistet wurde. In Aachen und in Köln beispielsweise wurden die Überlebenden des Holocaust bereits seit den 80er Jahren eingeladen. Wir sind spät dran“, sagt Nickels und nennt den Grund: „Geilenkirchen ist eine kleine Stadt. Jeder kennt jeden. Man hatte Angst, dass es tiefe Gräben gibt, wenn man die Geschichte wieder aufrollt.“ Weiter sagt sie: „Heute können wir sagen. Wir stellen uns der Verantwortung für die Geschichte unserer Stadt und werden den in der Shoa vertriebenen und ermordeten Geilenkirchenern auf Dauer ein ehrendes Andenken bewahren. Das ihnen angetane Leid mahnt uns zu unserer bleibenden Verantwortung, jeder Ausgrenzung und Erniedrigung von Menschen energisch entgegenzutreten.“

Für die Gäste hat man ein umfangreiches Programm vorbereitet: Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen sind in den Berufsbildenden Schulen, in der Realschule, in der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule, in der Katholischen Grundschule und im Gymnasium St. Ursula geplant. Auch ein Treffen mit den Konfirmanden der evangelischen Kirchengemeinde steht auf der Agenda. Die Gespräche und Diskussionsrunden werden anschließend dokumentiert, so dass ein Zeitzeugnis entsteht.

Alle in Geilenkirchen bestehenden Schulformen beteiligen sich an einem Konzert am Donnerstag, 4. September, 18 Uhr, im St.-Ursula-Gymnasium: 160 Schüler der GGS Gillrath, der KGS Immendorf, des Berufskollegs Wirtschaft, der Gesamtschule, der Realschule und des Gymnasiums werden zu Ehren der Gäste die ganze Bandbreite klassischer und moderner Musik bei freiem Eintritt präsentieren. Die Stadt wird den Cube im Innenhof des Gymnasiums aufbauen, damit der Konzertabend auch nach draußen übertragen werden kann. „So etwas hat es in der Stadt noch nicht gegeben“, freut sich Nickels.