Geilenkirchen – Orte der Erinnerung für jüdische Mitbürger und andere Verfolgte in der NS-Zeit

Anita-Lichtenstein-Schüler treffen auf vier Shoa-Überlebende

VON ROBERT BAUMANN

Geilenkirchen. „Haben sie Angst, dass so etwas noch mal passiert?“, will eine Schülerin in der ersten Reihe wissen. Meir Baum hält kurz inne. „Es passiert doch dauernd. Im Irak werden gerade die Kurden verfolgt. Der Rassismus ist nicht auszurotten“, sagt der 86-Jährige und blickt in die große Schülermenge.

„Was habt ihr sonst noch für Fragen auf eurem Zettel?“, fragt Meir Baum die Schüler in der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule. Mit drei weiteren Shoa-Überlebenden besuchte der 86-Jährige die Geilenkirchener Schule.

„Was habt ihr sonst noch für Fragen auf eurem Zettel?“, fragt Meir Baum die Schüler in der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule. Mit drei weiteren Shoa-Überlebenden besuchte der 86-Jährige die Geilenkirchener Schule.

Foto: Robert Baumann

[„Wenn es euch gelingt, nur in dem kleinen Ort Geilenkirchen den Rassismus auszurotten, habt ihr schon sehr viel getan.“]

Meir Baum ist einer von vier Shoa-Überlebenden aus Geilenkirchen, die derzeit ihre alte Heimat besuchen. Der rund einwöchige Aufenthalt der in den USA und in Israel lebenden, ehemaligen Geilenkirchener Mitbürgern ist der bisherige Höhepunkt im Wirken der „Initiative Erinnern GK“, die den Besuch in die Wege geleitet hatte.

Persönliches Schicksal

Am Donnerstag waren die Holocaust-Überlebenden zu Gast in der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule, wo sie mit Schülern der Jahrgangsstufe 10, der beiden Leistungskurse Geschichte sowie der Abschlussklasse des Eichendorff Kollegs ins Gespräch kamen. Meir Baum, Dina Friede, Kurt Gottschalk und Issachar Ilan sprachen viel über die Vergangenheit, ihre Erlebnisse und ihr ganz persönliches Schicksal. Und die Schüler hörten gebannt zu und stellten Fragen: Wie ist es, verfolgt zu werden? Oder: Haben sie Gefühle von Rache gehabt? Und die ehemaligen Mitbürger jüdischen Glaubens antworten ausführlich und sichtlich gerne – auf Deutsch, mit nur wenigen Worten auf Englisch. „Rache? Nein! Das macht keinen Sinn. Ich bin böse, ja. Aber ich will keine Rache“, sagt die 81 Jahre alte Dina Friede, geborene Gottschalk. Kurt Gottschalk sitzt in dem völlig überfüllten Klassenraum direkt neben ihr und wendet sich an die Schüler: „Ich habe viele Verwandte verloren, es war schrecklich. So einen großen Hass gegenüber Menschen und Religionen darf es nie mehr geben. Mit Rachegefühlen könnte ich aber nicht leben. Das würde mein eigenes Leben zerstören“, sagt der 77-Jährige und fängt an, seine Geschichte zu erzählen. Von seiner Geburt 1937 in Geilenkirchen, seiner Flucht zunächst nach Holland und später mit dem letzten Schiff von Amsterdam aus nach England.

Erstaunt und entsetzt

Für die Gespräche hatten sich die vier Überlebenden aufgeteilt und standen den Schülergruppen in drei Klassenräumen Rede und Antwort. Die Schüler hörten genau zu, blickten manchmal erstaunt, teilweise entsetzt. „Fällt es ihnen schwer, über ihre Geschichte zu sprechen?“, fragt ein Schüler. „Es ist bis heute nicht leicht“, gibt Dina Friede offen zu. „Ich hatte am Anfang nicht die Kraft, darüber zu sprechen“, sagt sie. Erst als ihre Enkelkinder angefangen hätten, Fragen zu stellen, sei es ihr langsam möglich geworden.

Im anderen Klassenraum ruft Meir Baum ein „Next, please!“ in die Runde und animiert die Schüler weiter Fragen zu stellen. Und die kommen. „Haben sie Anita Lichtenstein gekannt?“, fragt eine Zehntklässlerin. „Oh ja, die Lichtensteins hatten eine Hühnerfarm. Da konnte ich immer frische Eier mit nach Hause nehmen“, erinnert sich der 86-Jährige. Mit Anita selbst habe er aber nicht gespielt. „Sie war noch viel zu klein.“

Als keine Fragen mehr gestellt werden, will Meir Baum noch etwas loswerden. „Ich freue mich aufrichtig, heute hier bei euch zu sein und spüre, dass es den Menschen unendlich leid tut, was passiert ist. Ich weiß, ihr arbeitet schwer daran, die Erinnerungen zu verdauen. Aber Deutschland wird die Last der Vergangenheit immer tragen müssen. Man darf niemals vergessen. So etwas darf nie mehr passieren.“

Begegnungskonzert

Standen den Schülern Rede und Antwort und erzählten von ihren Erlebnissen aus der Vergangenheit: Dina Friede (li) und Kurt Gottschalk.

Standen den Schülern Rede und Antwort und erzählten von ihren Erlebnissen aus der Vergangenheit: Dina Friede (li) und Kurt Gottschalk.

Foto: Robert Baumann

Nach der Begegnung mit den Schülern am Vormittag gab es für die Shoa-Überlebenden am gestrigen Abend noch ein Konzert im Gymnasium St. Ursula. Die beiden Grundschulen in Gillrath und Immendorf, die Realschule Geilenkirchen, das Berufskolleg Wirtschaft des Kreises Heinsberg, die Anita-Lichtenstein-Gesamtschule und das Bischöfliche Gymnasium St. Ursula musizierten gemeinsam für die Shoa-Überlebenden. „Wir versuchen, den schrecklichen Erinnerungen unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger an Geilenkirchen eine schöne Erinnerung hinzuzufügen“, nannte Thomas Kamphausen, Musiklehrer am St.-Ursula-Gymnasium, im Vorfeld eines der Ziele, die mit dem Konzert verfolgt werden.