Geilenkirchen – Orte der Erinnerung für jüdische Mitbürger und andere Verfolgte in der NS-Zeit

Brücken der Menschlichkeit gebaut

Von Andrea Thomas

Vier Überlebende der Shoa besuchten für eine Woche der Begegnung ihre Heimatstadt Geilenkirchen

Es waren Begegnungen und Gespräche, die noch lange nachklingen werden. Auf Einladung der „Initiative Erinnern Geilenkirchen“ haben vier Überlebende der Shoa gemeinsam mit ihren Angehörigen für eine Woche ihre ehemalige Heimatstadt besucht.

Es sind intensive Gespräche und Begegnungen zwischen den Überlebenden und den Schülerinnen und Schülern.

Es sind intensive Gespräche und Begegnungen zwischen den Überlebenden und den Schülerinnen und Schülern.

Foto: Andrea Thomas / Kirchenzeitung

Als Kinder mussten Dina Friede (81), Kurt Gottschalk (77), Meir Baum (86) und Issachar Ilan (87) mit ihren Familien Geilenkirchen verlassen, weil sie Juden waren. Bei ihrer Rückkehr, mehr als 70 Jahre später, erwarteten sie schöne und schmerzliche Erinnerungen, aber auch Menschen, die sie warm und herzlich willkommen hießen.

Dina Friede und Meir Baum

Dina Friede und Meir Baum

Foto: Andrea Thomas

„Wir sind unendlich dankbar, dass sie unsere Einladung angenommen und die weite Reise aus den USA und Israel auf sich genommen haben,“ erklärt Christa Nickels, die die „Initiative Erinnern Geilenkirchen“ 2010 ins Leben rief. Das breite Bündnis aus Kirche, weiterführenden Schulen, Ratsfraktionen und Bürgern verlegte seitdem 47 „Stolpersteine“ in der Stadt, für die die Schulen Patenschaften übernahmen, und setzte mit Unterstützung des Bundesprogramms „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“ Projekte der Erinnerung an die ehemalige jüdische Gemeinde um.

Besonders das Engagement der Kinder und Jugendlichen hat die vier Überlebenden sehr berührt und zu diesem Besuch ermutigt, wie sie erzählen. Ihr Wunsch war daher insbesondere die Begegnung und der Austausch mit jungen Menschen. Dazu besuchten sie mehrere Schulen, darunter das Bischöfliche St.-Ursula-Gymnasium, wo sie mit Schülerinnen und Schülern des Abiturjahrgangs zusammenkamen.

Meir Baum Und Issachar Ilan sind Brüder. Gemeinsam kramten sie für ihre Zuhörer in Kindheitserinnerungen: an die Volksschule, die Besuche in der Synagoge oder einen Besuch im Zirkus. Die schlimmen Erlebnisse danach klammerten sie bewusst aus, damit wollen sie ihre jungen Gegenüber nicht belasten. „Es gibt keine übergreifende Schuld, es gibt eine übergreifende Verantwortung. Andenken? Ja. Verantwortung für die Zukunft? Ja. Aber eine Schuld derer, die heute leben, an dem, was früher war, die gibt es nicht“, erklärt Issachar Ilan.

Jürgen Pallaske (l.), Schulleiter von St. Ursula, im Gespräch mit Issachar Ilan

Jürgen Pallaske (l.), Schulleiter von St. Ursula, im Gespräch mit Issachar Ilan

Foto: Andrea Thomas

„Wer einen rettet, rettet die ganze Welt“

Dina Friede ist zum ersten Mal wieder in der Stadt, in der sie geboren wurde. Ihre Familie ist 1937 in die Niederlande übergesiedelt, doch „das war nicht weit genug“, erzählt sie. Als dies 1943 immer schlimmer wird, übergibt ihre Mutter sie in die Obhut einer Nachbarin, die Dina unter großem eigenem Risiko heil durch den Krieg bringt. Ihre Eltern sterben im Lager Sobibor/PL. 1946 kommt sie in ein Kinderdorf nach Israel. Über das Erlebte spricht keines der Kinder dort. „Wir mussten erst einmal Kraft zum Leben finden“, sagt Dina Friede. Erst in den letzten Jahren habe sie angefangen, darüber zu reden. Ihre jungen Zuhörer hat sie, wie auch die anderen Überlebenden, mit ihrer Geschichte tief berührt.

Ein Höhepunkt der Besuchswoche war das von sechs Geilenkirchener Grund- und weiterführenden Schulen gestaltete Konzert in St. Ursula, zu dem das Bistum Aachen einen Zuschuss gab. Über Musik und Begegnung sind so Brücken der Menschlichkeit zwischen Vergangenheit und Zukunft entstanden, die an die Verantwortung gegenüber der Geschichte mahnen.

Vor dem Besuch haben Schülerinnen und Schüler von St. Ursula die

Vor dem Besuch haben Schülerinnen und Schüler von St. Ursula die "Stolpersteine" geputzt.

Foto: Andrea Thomas

Es sind intensive Gespräche und Begegnungen zwischen den Überlebenden und den Schülerinnen und Schülern.