Geilenkirchen – Orte der Erinnerung für jüdische Mitbürger und andere Verfolgte in der NS-Zeit

Dem Grauen etwas Schönes entgegengesetzt

VON JAN MÖNCH

Geilenkirchen. Rund vier Jahre ist es her, dass die Initiative Erinnern ihre Arbeit aufgenommen hat. Oft wurde seitdem Kritik an der Vergangenheitsbewältigung in Geilenkirchen geübt: Die Stadt habe sich Jahrzehntelang der Erinnerung verweigert, habe geschwiegen statt aufzuklären.

Nun waren dank der Initiative Erinnern vier der letzten noch lebenden Geilenkirchener Juden zu Besuch – und nach einer anstrengenden, aber rundum gelungenen Woche will Christa Nickels auch mal ein dickes Lob loswerden: „Ich bin richtig stolz auf Geilenkirchen“, sagt sie – jetzt, wo alles so gut gelaufen ist, wo die Gäste mit dem Gefühl abgereist sind, dass es eine gute Entscheidung war, herzukommen.

Das Lob richtet sich an die Schulen, an denen die Überlebenden und ihre Bewohner empfangen wurden, und an die Stadtverwaltung (Nickels: „Da haben wir vom Archiv bis zum Bürgermeister jede Hilfe bekommen“), aber auch an die Einwohner, die gar nicht aktiv an dem umfangreichen Programm beteiligt waren. Denn überall in der Stadt seien die Überlebenden erkannt und willkommen geheißen worden. Auch dies habe ermöglicht, dass den schlimmen Erinnerungen, die die Gäste an den Beginn ihres Lebens haben, etwas Schönes entgegengesetzt werden konnte.

„Was sie gemeinsam haben,

ist dieser berühmte jüdische

Mutterwitz.“

KARL-HEINZ NIEREN,

INITIATIVE ERINNERN GK

Diese Erfahrung war wichtig, denn es war nicht so, dass jeder der vier Überlebenden auf Anhieb überzeugt davon war, dass eine Rückkehr an den Ort der Vertreibung seiner Familie eine gute Idee ist. Das wohl wichtigste Argument, sagt Christa Nickels, sei dieses gewesen: „Sie haben eine Lebensbotschaft zu geben, die fast niemand mehr geben kann.“

Fast 70 Jahre liegt das Ende des Zweiten Weltkriegs zurück, noch länger die Flucht von Meir Baum, Dina Friede Gottschalk, Issachar Ilan und Kurt Gottschalk sowie ihren Angehörigen. Natürlich ist es eine glückliche Fügung, dass sie nun körperlich noch hinreichend fit waren, aus Israel und den USA anzureisen – und geistig fit genug, um etwa Gespräche mit Schülern zu führen. „Wirkliche Gespräche, nicht nur ein Austausch von Statements“, sagt Christa Nickels.

In den vier Überlebenden hat sie vier kluge und lebenserfahrene, aber sehr unterschiedliche Persönlichkeiten kennengelernt. Dina Friede sei ein Mensch, „der von Herz zu Herz spricht“, Meir Baum – 86 Jahre alt – „der authentischste Berichterstatter dessen, was passiert ist“. „Aber was sie wirklich alle gemeinsam hatten, war dieser berühmte jüdische Mutterwitz“, hat Karl-Heinz Nieren festgestellt.

Nierens Recherche war es, die den Besuch überhaupt möglich gemacht hat. Und quasi als Nebeneffekt gelang so auch noch ein Stück Familienzusammenführung. Bis die Initiative sich bei ihr meldete, sei etwa Dina Friede davon ausgegangen, „alleine auf der Welt“ zu sein. In Geilenkirchen traf sie nun auf Verwandte aus den Niederlanden, von denen sie über Jahrzehnte gar nichts gewusst hatte.

Christa Nickels wird sich im Laufe des Jahres aus der

Christa Nickels wird sich im Laufe des Jahres aus der "Initiative Erinnern" zurückziehen

Foto: Georg Schmitz

... und Karl-Heinz Nieren wird in Zukunft zumindest kürzer treten.

... und Karl-Heinz Nieren wird in Zukunft zumindest kürzer treten.

Foto: Georg Schmitz

Die Arbeit war für Christa Nickels und Karl-Heinz Nieren besonders im Vorfeld des Besuchs ein Vollzeitjob, mitunter sogar mehr als das. Nun wollen die beiden Rentner kürzer treten. Nickels wird sich noch einige Zeit mit der Nachbereitung beschäftigen und sich dann ganz zurückziehen. Nieren wird zwar weiter recherchieren, allerdings in einem deutlich geringeren Umfang. Die beiden tun das besten Gewissens. Denn sie glauben, dass durch die vier Jahre Arbeit einiges in Bewegung gesetzt wurde, dass ihr Zutun nicht mehr unbedingt benötigt wird. Das sehen sie an der großen Begeisterung, mit der die junge Generation sich an der Erinnerungsarbeit beteiligt, sie sehen es am großen Interesse von Kirche und Stadtverwaltung. Und falls doch mal sachkundiger Rat notwendig sein sollte, stellt Karl-Heinz Nieren fest, „ist man ja nicht aus der Welt“.